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Ich bin katholisch. Anfang der 1970er Jahre habe ich das erste Mal gebeichtet. Damals gab es, damit man auch keine Sünde vergisst, einen Beichtspiegel. Über vier Seiten in meinem Gebetbuch wurden dann solche Fragen gestellt, wie „Habe ich gelogen?“, „Habe ich genascht?“ usw.. (Rückblickend frage ich mich, wie man vier Seiten mit solchen Fragen füllen konnte.) Eine Frage, die mich damals schon sehr bewegt hat, war: „Habe ich gezweifelt?“ Ich habe mir schon immer Gedanken über Gott und sein Wirken gemacht, und die Ergebnisse meiner Gedankenspiele waren nicht immer deckungsgleich mit der katholischen Glaubenslehre. Das habe ich mir als Zweifel und, dem Beichtspiegel folgend, als Sünde ausgelegt. Aber so wie man niemals aufhört, hier und da mal zu naschen, habe ich auch das Nachdenken über Gott nicht gelassen.
Als ich dann katholisch geheiratet habe, mussten meine Braut und ich zuvor zum sogenannten Brautunterricht. Der über 80 Jahre alte Pfarrer meiner zukünftigen Frau war dafür zuständig. Mir schwante Furchtbares. Das ganze Gegenteil trat ein! Wir hatten sehr gute Gespräche. Tief eingeprägt hat sich bei mir der Satz von ihm: „Wer nicht zweifelt, glaubt auch nicht.“ Damit wurde ein Stück weit mein katholisches Weltbild vom Kopf auf die Füße gestellt. 
Ich bin davon überzeugt, dass es nicht zwei Menschen auf dieser Welt geben kann, die denselben Glauben haben, ganz gleich, welcher Glaubensrichtung oder Religion sie angehören. Gott, das Universum, Brahman oder wie man das Absolute, das zeitlos Existierende, die unendlich wirkende Kraft auch immer bezeichnen möchte, offenbart sich jedem anders. Jeder Versuch, den Glauben eines anderen zu leben, zum Beispiel den Glauben der Eltern, wird scheitern. Um zu glauben, bedarf es eines spirituellen Anstoßes, aus dem sich dann das Fundament des eigenen Glaubens entwickelt. Da ich in das katholische Eichsfeld hineingeboren wurde, ist mein spirituelles Fundament die Lehre der katholischen Kirche, und ich bin dankbar, diese Basis zu haben. 
Wenn ich beispielsweise höre, dass ich ein gottesfürchtiges Leben führen soll, wo Gott doch nichts anderes als bedingungslose Liebe ist, darf ich schon mal zweifeln, ob ich fürchten soll, was mich liebt. Ich habe mich für die Liebe entschieden und aufgehört zu fürchten.
Zweifel sind, solange sie nicht das Leben bestimmen, in jeder Hinsicht absolut berechtigt, ja sogar notwendig. Ansonsten besteht die Gefahr, die Welt so zu sehen, wie man sie gern sehen möchte oder wie sie sein sollte und nicht, wie sie ist. 
Die Buddhisten drücken es so aus: Finde Deinen Buddha, liebe Deinen Buddha, töte Deinen Buddha. Gemeint ist hier mit Sicherheit nicht, seinem spirituellen Lehrer physische Gewalt anzutun. Gemeint ist, seinen eigenen spirituellen Weg zu gehen, wenn die Zeit dafür gekommen ist. Und es werden einem immer wieder neue spirituelle Lehrer begegnen. Einen guten spirituellen Lehrer erkennt man vielleicht gerade daran, wie er mit Zweifeln und Zweiflern umgeht, liebevoll akzeptierend oder verdammend und ablehnend. 

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